Konzepte dagegen

Für die Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus ist das Konzept der Toleranz mit seiner Schutzfunktion in Staat und Gesellschaft zentral. Doch wird Toleranz über die Jahrhunderte unterschiedlich interpretiert und verstanden. Hierzu einige Überlegungen zur Änderung des Begriffsverständnisses und seinen spezifischen Auswirkungen im Zusammenhang mit Rassismus in der Schweiz.

Toleranz bezog sich ursprünglich auf religiöse Belange und wird seit dem Humanismus (14. bis 16. Jahrhundert) auch auf politische und staatsrechtliche Zusammenhänge angewandt. Das Konzept der Toleranz umfasst einen allgemein-rechtlichen und einen individuell-ethischen Aspekt:

  • Auf der einen Seite sollen allgemein geltende gesellschaftliche und politische Normen und Werte gesichert werden, aber auch Andersdenkende und -lebende vor Diskriminierung geschützt werden. Im Politischen setzt dies nebst Trennung von Staat und Religion die allgemeinen Menschenrechte voraus.
  • Auf der individuellen Ebene geht es hingegen darum, die Heterogenität von Überzeugungen, Anschauungen und Traditionen der Mitbewohnerinnen und Mitbewohner nicht indifferent zu akzeptieren, sondern aktiv wahrzunehmen und anzuerkennen. Gefragt ist mit anderen Worten eine aktive Toleranz. Hiervon stellt Antirassismus ein Element dar.

Genutzt wird der Begriff Toleranz jedoch vielfach für eine zwischen Untätigkeit und Repression schwankende Politik. Meist werden die Probleme umso intensiver entpolitisiert und individualisiert, je offenkundiger das Dilemma und das Nachlassen der Integrationskraft bisheriger Integrationskonzepte ist. Immer mehr werden Menschen gedrängt, „Toleranz zu zeigen“, um so das Fehlen einer aktiven Politik zu kompensieren. Ein aktuelles Beispiel stellt die Kopftuch-Debatte dar: Die Diskussion darüber, ob Kopftücher toleriert werden sollen oder nicht, hat heutzutage oftmals einen islamfeindlichen und kulturalistischen Beigeschmack. Aktive Toleranz würde eine differenzierte Auseinandersetzung mit Rassismus bedeuten – im historischen, konzeptionellen und praktischen Sinne – sowie gemeinsame Suche nach Lösungen. Zusammen ein Problem lösen kann auch wie im Fall der Berner Gemeinde Stettlen heissen, dass die Schulleitung den Dialog mit den betroffenen Eltern sucht und im Dialog eine flexible, fallangepasste Lösung zum Kopftuchtragen des Schulkindes gefunden wird. Die Gemeinde Stettlen hatte einem muslimischem Mädchen erlaubt, obligatorischen Fächern fernzubleiben. Dies sorgte in der Bevölkerung für Unmut. Die gefundene Lösung ist selbstverständlich nicht so einfach wie ein generelles Schulhausverbot, doch bleiben so vor allem auch die Bedürfnisse der betroffenen Mädchen im Blickfeld. Die Eltern wiederum setzen sich unter diesen Umständen eher mit ihrer Umgebung auseinander und bleiben mit der Gemeinde in Kontakt.

In der Schweiz besteht bei Toleranz in Zusammenhang mit dem Begriff Rassismus zudem ein spezifisches Problem. Das Wort bereitet hier nicht nur Mühe, weil ein vermeintlicher schweizerischer Sonderfall vorliegt: In der Schweiz wurde Rassismus (meist verstanden als „Hautfarbenrassismus“) von der Mehrheit der Bevölkerung über lange Zeit nicht als ein sie direkt betreffendes Problem verstanden. Die Schweiz habe im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, so wird argumentiert, keine Vergangenheit als Kolonialmacht. In den 60er-/70er-Jahren wurde die Diskriminierung von ausländischen Arbeitskräften vor allem als „Fremdenfeindlichkeit“ bezeichnet, obwohl in den Überfremdungs-Initiativen bereits früh ein klar kulturalistische und essentialistische Argumentation verwendet wurde („Eigenschaften sind angeboren und unveränderbar“). Die Rechtspopulisten forderten seinerzeit mehrmals eine radikale Einwanderungsbeschränkung für Migrierende aus Italien, Spanien und Griechenland - mit ähnlichen Argumenten, wie sie sie heute gegen türkische oder afrikanische Migrantinnen und Migranten anführen. .

Die Anwendung des Begriffs „Rassismus“ für schweizerische Verhältnisse kam so erst in den 80er-Jahren mit dem Umstand auf, dass eine grössere Zahl von Menschen mit einer „anderen Hautfarbe“ in die Schweiz immigrierte. Erst seit jener Zeit wird nebst „Rassismus im Ausland“ (gemeint sind Südafrika und die USA) von „Rassismus in der Schweiz“ gesprochen.

Zudem ist der Rassismusbegriff in den verschiedenen Schweizer Sprachregionen unterschiedlich besetzt. So wird er in der Deutschschweiz vor allem mit der nationalsozialistischen Rassenpolitik Deutschlands in Verbindung gebracht. Daher lehnen die meisten Menschen in der Deutschschweiz ab, dass ein derartiges Verständnis von Rasse bzw. Rassismus in irgendeiner Weise auf die schweizerischen Verhältnisse zutreffe. Der Begriff wird so auch heute noch nur zögerlich verwendet – einerseits, so das Argument, weil er die faschistischen Gräueltaten verharmlose, andererseits aber auch, weil der Begriff mit der Geschichte des Landes nichts zu tun habe. Ganz anders in der lateinischen Schweiz – hier wird der Begriff ‚race/racisme“ bzw. „razza/razzismo’ wie im Englischen viel breiter gefasst und vor allem mit der Kolonialpolitik bzw. seiner Bekämpfung in Zusammenhang gebracht. Damit ist der Begriff aber für die antirassistischen Akteure auf gesamtschweizerischer Ebene schwer anwendbar.

Das relativ vage und individualisierte Toleranzkonzept birgt so die Gefahr, dass Rassismus in der Gesellschaft nicht direkt angesprochen werden kann. Hierzu folgende Bemerkungen:
1. Fehlende theoretische und konzeptionelle Aufarbeitung hat eine Unbestimmtheit und Inkohärenz der Vorstellung von Rassismus zur Folge. So liegt der politische Anknüpfungspunkt oftmals bei der Migrations- und Asylpolitik, dem vermeintlichen Startpunkt der Problematik des Rassismus’. Damit wird nicht nur einem Teil der potentiellen Opfer gewissermassen eine Mitverantwortung am schweizerischen Rassismus zugewiesen und der politisch-historische Kontext ausgeblendet. Diese Herangehensweise führt auch dazu, dass die Aufmerksamkeit mehrheitlich auf eine „eben erst“ in die Schweiz immigrierte Bevölkerungsgruppe gerichtet wird, die nicht über die schweizerische Staatsbürgerschaft verfügt. Damit werden Schweizerinnen und Schweizer, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer „Ethnizität“ diskriminiert werden, als Opfer von Rassismus oftmals vernachlässigt (Gerber 2003:481ff.).

2. Toleranz wird inzwischen auch von anderer Seite gefordert: Das Verständnis von Toleranz ist im neo-rassistischen Diskurs beispielsweise, der heute sehr wohl ein enthierarchisiertes Weltbild propagiert – nach dem Motto: „Alle sind gleich wertvoll“. Nur verknüpft dieser Diskurs das genannte Prinzip mit der Forderung, dass Menschen da bleiben sollen, wo sie sind respektive dahingehen sollten, wo sie hergekommen sind. In einen Nationalstaat gehöre nur das angestammte Kollektiv, in das Menschen hineingeboren wurden, so die Argumentation. Ansonsten verkümmerten diese, würden meist geisteskrank, apathisch oder kriminell. Kultur ist der Name, den die neuen Rassisten eben jenem Kollektiv geben. Auch beliebt ist der Begriff der unterschiedlichen Sitten und Gebräuche. KritikerInnen sprechen in diesem Zusammenhang deshalb von Kulturalismus (siehe beispielsweise Magiros 1995).

Wenn Toleranz als aktive Verteidigung der Rechte Einzelner oder von Kollektiven verstanden wird, stellt sie ein nützliches Konzept zur Rassismusbekämpfung dar. Unter diesen Voraussetzungen kann mit Hilfe des Toleranzbegriffs die Sensibilisierung gegen Rassismus unternommen werden. Wird Toleranz jedoch nur in ihrer verkürzten Form verstanden, werden also bloss andere Anschauungen und Lebensweisen indifferent akzeptiert, wird eine grundlegende gesamtgesellschaftliche Reflexion über Rassismus verhindert. Unter diesen Umständen sollte wohl besser auf dem Grundsatz der Gleichheit aller Menschen beharrt werden, und die Rede von Respekt und Recht sein.

„Je mehr Bürger[Innen] mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Held[Innen] wird es einmal brauchen.“
Franca Magnani, Schauspielerin

 

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